| spaziergaenger ( @ 2005-05-22 02:59:00 |
Enstehung von Christentum - um Verständnis der Religionsentstehung I
Es könnte an einem Frühlingstag im Jahr 30 gewesen sein. Schimon bar Jona steht am Ufer des Sees Genezareth, der ihm so vertraut ist. Hierher ist er geflohen vor dem Grauen, das er in Jerusalem erlebt hat.
Er ist ein Fischer und hat hier mit seiner Familie gelebt und gearbeitet - bis jener Mann kam, der ihn vom ersten Augenblick bezauberte: Joschua von Nazareth, den man auch Jesus nennt.
Schimon hätte nicht sagen können, was diesen Jesus umgab und welche Kraft es war, die ihn so mächtig anzog, dass er ohnmächtig gehorchte, als Jesus ihn aufforderte, ihm zu folgen und »von nun an Menschen zu fischen«. Schimon ließ alles stehen und liegen, in der festen Überzeugung, dass dieser Mann der ersehnte Messias war, der Erwartete, der Erlöser - der Mann, der die Juden von den verhassten, ungläubigen Römern befreien würde. Schimon bar Jona, auch Petrus genannt, hatte nie einen Zweifel daran. Und nun?
Alles zerbrochen - unter den Nägeln, mit denen die Römer Jesus ans Kreuz genagelt haben wie einen Verbrecher. Sie haben ihn auf die qualvollste und unwürdigste Weise getötet. Und nichts geschieht! Gar nichts! Gott schaut schweigend zu.
War alles nur Lüge? War Jesus ein falscher Prophet? Wo ist denn sein Reich. das er versprochen hat? Die Legionen des römischen Kaisers Tiberius haben Judäa nach wie vorfest im Griff. Und seine Handlanger. die Herodier aus dem fremden Idumäa. sitzen immer noch auf dem Thron, seit beinahe hundert Jahren. Nichts hat sich geändert.
WAR JESUS NUR ein kleiner, erfolgloser Aufwiegler- so wie vor etwa 25 Jahren der Unruhestifter namens Judas? Der kam ebenfalls aus Galiläa. Auch Judas machte sich stark für die Rechte der Armen und forderte einen Gottesstaat. Seine gewalttätigen Anhänger nannte man auf Lateinisch „sicanrii“, d. h. "die Männer mit dem Dolch“. Die Römer schauten sich das eine Weile an. und eines Tages war Judas verschwunden. Die einen behaupten, er sei geflohen - die anderen, er sei umgebracht worden. Seine Anhänger predigen - im Geheimen - weiterhin den Gottesstaat. Doch bewirkt haben sie im Grunde überhaupt nichts. Ist Jesus - wie Judas - nicht viel mehr als ein gescheiterter Revolutionär. dessen Ideen sich angesichts der Realität in Luft auflösen? Ist er. Petrus. einem Narren hinterhergelaufen?
Enttäuschung. Verzweiflung. Wut. Dazu noch Schuldgefühle: Keiner der Jünger rührte eine Hand. um Jesus zu retten. Keiner trat vor, um ihn vor Gericht zu verteidigen. Keiner erhob die Stimme, um seine Freiheit zu fordern, als alle schrien: »Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!« Auch er, Petrus, hatte geschwiegen. Schlimmer noch, er hat den Mann, den er bewunderte und verehrte, verleugnet, in panischer Angst, man könnte auch ihn verhaften. Er verkroch sich in Jerusalem, während Jesus. dem er Treue bis in den Tod geschworen hatte, nach Golgatha gepeitscht wurde. Was für eine erbärmliche Feigheit. Petrus, der Fels, ist gebrochen.
In diesem Augenblick geschieht es - etwas, das für die ganze Welt von größter Bedeutung sein wird.
Der Apostel Paulus hat es in seinem ersten Korintherbrief (15.4) beschrieben. Da heißt es. dass Jesus am dritten Tag auferstanden sei - und dass der Erste. der ihn gesehen habe. Petrus gewesen sei.
Petrus als Erster. Im Markus-Evangelium dagegen heißt es: Maria Magdalena war es. die Jesus zuerst gesehen hat. In den anderen Evangelien erscheint Jesus vor den versammelten Aposteln - doch die Evangelien entstanden erst zwanzig bis vierzig Jahre nach den Paulus-Briefen; diese Briefe sind die ältesten schriftlichen Zeugnisse über Jesus. Und darin sagt Paulus unmissverständlich, dass Jesus zuerst von Petrus „gesehen worden“ ist.
Wer nun tatsächlich der Erste war. ob nun Maria Magdalena oder Petrus, ist für den weiteren Verlauf der Ereignisse unwichtig. Entscheidend ist die Botschaft: Jesus lebt!
Für Petrus ist das die Erlösung. Alle Zweifel fallen von ihm ab. Petrus weiß jetzt, was er zu tun hat: Er muss diese "gute Nachricht“ (griech.: Evangelium) allen verkünden.
Ein unbeachteter und sehr privater Augenblick, und doch hat er etwas Mächtiges in Gang gesetzt. Was da geschah. ist nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Christentums.
Die gute Nachricht spricht sich wie ein Lauffeuer herum, und bald hört man, dass Jesus von immer mehr Menschen gesehen worden ist. Die Niedergeschlagenheit unter den Anhängern Jesu weicht allmählich einer zaghaften Hoffnung: Wenn es wahr ist. dass Jesus lebt. dann ist auch das. was er sagte und prophezeite, wahr.
FÜR DIE RÖMISCHEN Besatzer, die in Jesus einen irregeleiteten Narren sehen. ist mit seiner Kreuzigung diese leidige Sache erledigt: irgendwelche Maßnahmen gegen die Anhänger Jesu. die man auch Nazaräer nennt, sind nicht vorgesehen. Sie haben erlebt, wie Rom mit Unruhestiftern umgeht- das wird ihnen ja wohl eine Lehre sein.
Noch traut man dem Frieden nicht, und so kehren die Apostel, die aus Angst vor Repressalien geflohen sind, mit aller Wachsamkeit nach Jerusalem zurück. Auch Petrus, der nun wieder der Fels ist und um den sich jetzt alle scharen. Es sind einfache Menschen: Handwerker, Fischer, kleine Beamte. Sie sprechen einen ländlichen galiläischen Dialekt, der jedem sofort verrät, dass sie ganz sicherlich keine Gelehrten sind. Aber all das ist nicht wichtig, entscheidend ist, dass sie ausgerüstet sind mit einem festen Glauben. alle haben Jesus gesehen. Die einen haben, wie sie sagen, mit ihm gesprochen, die anderen ihn sogar berührt - wie auch immer, jeden hat diese Begegnung bis ins Herz erschüttert und sie endgültig davon überzeugt: Jesus ist wirklich der Messias, der Verkünder der Endzeit!
Sie finden Unterschlupf in einer Wohnung, die ihnen schon von früher bekannt ist. Wir wissen das aus der Apostelgeschichte, die im Neuen Testament den Evangelien folgt und etwa 60 Jahre nach Jesu Tod entstand. Als Autor wird ein gewisser Lukas angegeben, der auch das Lukas-Evangelium schrieb; tatsächlich aber ist seine Identität unbekannt. In der Apostelgeschichte, die eigentlich unsere einzige Quelle über die erste Zeit des Christentums ist, heißt es, dass sich diese Wohnung im oberen Stockwerk eines Jerusalemer Hauses befand. Von dort aus knüpfen die Nazaräer Kontakte mit Gleichgesinnten. Auch die Familie von Jesus besuchen sie.
Die Nazaräer fallen in der Stadt nicht auf. Sie sind Juden wie alle anderen. tragen die gleichen Tuniken und Obergewänder wie jeder in Jerusalem. Aber die offensichtliche Begeisterung, mit der sie über Jesus erzählen, macht die Leute neugierig. Man fängt an, ihnen zuzuhören.
Wenn Petrus und die Apostel noch einen letzten Beweis für ihren Glauben brauchten - jetzt erhalten sie ihn. Eines Tages, während sie alle versammelt sind, erscheinen über ihren Köpfen feurige Zungen. so berichtet die Apostelgeschichte, »und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes«. Plötzlich beginnen sie in fremden Sprachen zu reden, heißt es weiter, sodass die Anwohner, die diese Männer als einfache Leute kennen, völlig verblüfft sind. Petrus erfasst die Gunst der Stunde und erklärt, dass diese Männer keineswegs betrunken sind; es sei vielmehr ein weiterer Beweis dafür, dass die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind, so wie es der Prophet Joel angekündigt hat: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch...«
WAS BEI DIESEM »Pfingstwunder« geschieht, ist vielleicht zu vergleichen mit dem »Zungenreden", das auch heute noch in den so genannten charismatischen Kirchen ein wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes ist; dabei fallen Männer und Frauen in Trance und beginnen zu reden, oft auch »in fremden Zungen«.
Wie dem auch sei, dieses Ereignis beeindruckt. Jerusalem zählt zu dieser Zeit höchstens 30 000 Einwohner, und so macht das "Pfingstwunder« schnell die Runde. Außerdem erzählt man sich. dass Petrus Kranke heilen kann - er muss also eine besonderer Mann sein: vielleicht ist ja etwas dran an dem. was er und seine Leute über diesen Jesus erzählen und dass der Weltuntergang kurz bevorsteht.
Nun beginnen mehr und mehr Menschen, genauer hinzuhören - und die Apostelgeschichte berichtet, dass die erste Gemeinde bald 3000 Mitglieder zählt, wenig später sogar 5000. Das wäre erstaunlich viel für eine Stadt wie Jerusalem - aber biblische Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Egal, hinter dieser Nachricht steht, dass die Nazaräer zu einer Gruppe heranwachsen, die man nicht mehr ignorieren kann. Jetzt geraten sie ins Visier der jüdischen Behörden, und als die Verantwortlichen erkennen, was sich da vor ihrer Haustür entwickelt, sind sie äußerst beunruhigt.
Was ist geschehen?
Die religiösen Führer und Politiker haben kein Problem damit, dass die Nazaräer herumerzählen, jeden Augenblick könne die Welt untergehen und deshalb müsse man Buße tun und ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Wenn sie daran glauben, bitte schön. Weituntergangs-Fantasien gibt es zuhauf. Bücher, in denen die Grauen erregenden Ereignisse der letzten Tage beschrieben werden, sind Bestseller. Doch allen Weltuntergängen, die bisher von selbst ernannten Propheten verkündet wurden, konnte man gelassen entgegensehen. Dem Weltuntergang der Nazaräer wird es mit Sicherheit genauso ergehen wie den anderen: Er findet einfach nicht statt.
NEIN, DAS IST ES NICHT, was die Behörden beunruhigt. Zumal es sich um ausgesprochen brave Bürger handelt. Sie sind fromme Juden, die sich streng an das jüdische Gesetz (hebräisch: »Thora«) halten, jene Sammlung von 613 Ge- und Verboten, die jeden Aspekt eines Menschenlebens genau regelt - angefangen mit Vorschriften über das Essen bis hin zu Anweisungen für Hygiene, Geschlechtsverkehr, Gebetszeiten, Feiertage ... und natürlich auch das Gebot, den Sabbat zu heiligen. Die Nazaräer befolgen das Gesetz eisern, in jedem Punkt.
Dagegen haben die Behörden nichts einzuwenden. Auch nicht, dass die Nazaräer sich regelmäßig treffen und damit begonnen haben, eine eigene Art von Gottesdienstabzuhalten. Die Quellen erzählen wenig darüber. Man weil? nur, dass sie eine gemeinsame Mahlzeit einnehmen und dabei im Namen des auferstandenen Herrn das Brot und den Wein (ähnlich wie im Judentum) heiligen.
1873 haben Forscher einen christlichen Text auf Griechisch entdeckt, »Didache« (deutsch: »Lehre«) genannt. Er stammt aus dem i. Jahrhundert und enthält den Wortlaut dieser Segenssprüche. Über den Wein sprach man: »Wir danken dir, unser Vater; für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechtes, den [d. h. den Weinstock] du uns durch Jesus, deinen Knecht, kundgemacht hast. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Und über das Brot: »Wir danken dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die du uns durch Jesus, deinen Knecht, kundgemacht hast. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Von einer Verwandlung des Weines und des Brotes in das Blut und den Körper Christi ist noch nicht die Rede. Diese Vorstellung wird erst sehr viel später Bestandteil des Christentums. Auffallend ist auch, dass Jesus als Knecht Gottes bezeichnet wird, nicht als Sohn Gottes. Seine Vergöttlichung ist zu dieser Zeit kein Glaubenssatz.
Die christliche Lehre, wie wir sie heute kennen, gibt es noch nicht. Die Urchristen unterscheiden sich nur in zwei Punkten von den anderen Juden. Erstens: Sie sind überzeugt davon, dass Jesus von den Toten auferstanden und deshalb der ersehnte Messias ist. Zweitens: Die Auferstehung von Jesus ist ein Zeichen dafür, dass das Reich Gottes - mit anderen Worten: die Endzeit - unmittelbar bevorsteht.
Wie schon gesagt, mit dem Weltuntergang haben die Behörden kein Problem. Es sind die Konsequenzen, die die ersten Christen daraus ziehen: Weil der Weltuntergang bevorsteht, macht es in ihren Augen keinen Sinn mehr zu arbeiten, Handel zu treiben, ein Geschäft zu rühren oder für die Zukunft zu planen. Verkauft alles, was ihr habt! - fordert deshalb Petrus - und bringt das Geld zu uns. Was ihr zum Leben braucht, das geben wir euch.
TATSÄCHLICH ENTSTEHT eine Kommune. Ihre Mitglieder verkaufen ihr Land, ihre Häuser, ihren gesamten Besitz und liefern das Geld ab. Wer dabei mogelt, wird bestraft. Die Apostelgeschichte berichtet darüber: Ein Mann namens Ananias bringt den Erlös eines Ackers zu Petrus - aber der sagt ihm auf den Kopf zu, dass dieser Betrag nicht stimmt und Ananias sich einen Teil in die eigene Tasche gesteckt habe. Daraufhin fällt Ananias auf der Stelle tot um. Drei Stunden später kommt seine Frau Saphira und erkundigt sich nach ihrem Mann. Petrus fragt sie, ob sie den Acker wirklich »so teuer verkauft haben«. Saphira antwortet: ja! - Da fällt auch sie tot um. Man begräbt die beiden, »und es kam eine große Furcht über die Gemeinde und über alle, die dieses hörten«.
Diese Geschichte zeigt, wie ernst die ersten Christen den Weltuntergang nehmen. Aber auch, unter welchen psychischen Druck sie gesetzt werden. Das Ganze hat den Beigeschmack von Endzeit-Fanatismus.
Was die Verantwortlichen in Jerusalem mit zunehmender Besorgnis sehen, ist eine wachsende Gruppe, die sich absondert, schlimmer noch: sich dem Staat verweigert. Wenn es Schule macht, alles zu verkaufen und auf das Ende zu warten, dann wird das wirtschaftliche Leben erlahmen. Wer zahlt dann die Steuern? Wie soll man dann den finanziellen Verpflichtungen Rom gegenüber nachkommen? Die Elite der Juden hat sich - wie Eliten es immer zu tun pflegen - mit den Mächtigen arrangiert und lebt ganz gut damit. Sie weiß, was Rom will: Ruhe im Land und Geld. Die Nazaräer sind auf dem besten Weg, dieses sensible Arrangement zu stören.
PETRUS WIRD VERHAFTET und ins Gefängnis gesteckt. Nur für eine Nacht, es soll wohl ein Warnschuss sein. Er wird eingehend verhört, dann lässt man ihn wieder frei. Aber die Behörden behalten die Christen im Auge, und es wird nicht das letzte Mal sein, dass Petrus ins Gefängnis wandert.
Inzwischen hat unter den Urchristen eine Entwicklung eingesetzt, die für das Christentum von größter Bedeutung sein wird. In der Apostelgeschichte wird sie nur beiläufig erwähnt, so, als sei es dem Autor peinlich. Er will den Eindruck erwecken, dass die Christen in dieser Zeit »ein Herz und eine Seele« sind. Das stimmt aber nicht.
Tatsache ist: Das junge Christentum hat sich bereits gespalten. Es gibt zwei Lager: die Konservativen und die Modernen - salopp ausgedrückt: die »Fundis« und die »Realos«. Dieser schmerzharte Prozess ist typisch für jede neue religiöse oder ideologische Bewegung; der Islam blieb davon genauso wenig verschont wie der Kommunismus.
Ursache der Spaltung ist: Die konservative Partei der Christen, die »Hebräer«, besteht darauf, dass nur Christ werden kann, wer vorher zum jüdischen Glauben übertritt - mit allen Konsequenzen, d. h. Unterwerfung unter das jüdische Gesetz (Thora), Beschneidung inklusive. Sie können sich dabei auf Jesus berufen, der ja - vergessen wir das nicht! - ein streng gläubiger Jude war. Zwar interpretierte er das Gesetz in manchen Teilen neu und für orthodoxe Juden sicherlich auch provozierend, grundsätzlich aber pochte er auf die Erfüllung der Thora und erklärte, dass kein Jota (ein Buchstabe im hebräischen Alphabet) des Gesetzes vergehen wird, solange Himmel und Erde bestehen.
Die »Realos« unter den Christen werden »Griechen« genannt, weil viele von ihnen aus jüdischen Gemeinden in anderen Ländern stammen und griechisch sprechen. Sie vertreten die Meinung: Jesus ist der Messias für alle Menschen, auch für die Heiden. Es ist nicht notwendig, erst Jude zu werden, um an Jesus zu glauben. Außerdem kann man es zum Beispiel einem Römer nicht zumuten, dass er sich beschneiden lässt und seine Lebensgewohnheiten total umstellt, nur um die 613 Ge- und Verbote der Thora einzuhalten. Die »Griechen« haben erkannt, dass der »Hebräer-Kurs bestenfalls einen kleinen jüdischen Club hervorbringt, der sich in religiöser Denkmalpflege gefällt. Nein, das wollen sie nicht, sie denken bereits katholisch, d. h. übersetzt: allumfassend, weltweit.
ES GIBT SPANNUNGEN zwischen den beiden Lagern. Zum ersten großen Krach kommt es auf einem Nebenschauplatz: Die »Griechen« beschweren sich darüber, dass in der Kommune »ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen werden«. Der Autor der Apostelgeschichte, immer auf Frieden und Freude bedacht, erklärt, dass man dieses Problem schnell aus der Welt geschafft habe: Die »Hebräer«-Spitze ernennt für die »Griechen« einen siebenköpfigen Vorstand. Wenn das stimmt, dann sicherlich nur gezwungenermaßen.
Ein neuer Vorstand? Und das nur, um dafür zu sorgen, dass einige Frauen anständig versorgt werden? Wohl kaum. Der »Witwenstreit «ist in Wahrheit ein Ventil. Die Spaltung ist vollzogen. Jetzt gibt es zwei Führungsgremien. Sprecher der »Griechen« ist ein junger, engagierter Mann namens Stephanus, der sehr überzeugend reden kann.
Die folgenden Ereignisse werden in der Apostelgeschichte merkwürdig schwammig und ungenau berichtet, sodass sich ein hässlicher Verdacht regt. Soll hier etwas verschleiert werden?
Stephanus wird von gesetzestreuen Juden der Gotteslästerei angeklagt, weil er gegen die Thora, das Gesetz, gesprochen hat. Er verteidigt sich eloquent. Vergeblich. Eine wütende Menge zerrt ihn vor die Stadt und steinigt ihn.
Seltsam, denn eine Hinrichtung ist allein Sache der Römer. Das Ganze findet mit viel Geschrei und Getobe statt, so, wie es beschrieben wird trotzdem, die römische Polizei steht da und greift nicht ein? Da stimmt etwas nicht.
Und weiter: Am selben Tag »erhob sich eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem«. Kein Wort darüber, wer dahintersteckt. Die jüdischen Behörden? Gewiss nicht, die wollen nur Ruhe. Das Volk von Jerusalem? Warum sollte es? Sind die Christen inzwischen derart unbeliebt? Davon wissen wir nichts. Laut Apostelgeschichte fliehen die Christen aus der Stadt. Dann muss diese »große Verfolgung« wirklich schlimm gewesen sein, ein Pogrom mit bösen Ausschreitungen. Und wieder steht die römische Polizei stumm daneben und schaut tatenlos zu?
NOCH EINE MERKWÜRDIGKEIT. Eine kleine Bemerkung nur, aber sie macht hellhörig: In dieser »großen Verfolgung« wird niemandem aus der Führungsspitze der »Hebräer« ein Haar gekrümmt. Sie bleibt in Jerusalem und mit ihr - das können wir getrost annehmen - die gesamte »Hebräer«-Gemeinde.
Die ganze Geschichte ist höchst fragwürdig. Diese beiden Ereignisse können sich so nicht zugetragen haben - weder der Tod des Stephanus, der bei den »Griechen« sehr beliebt war, noch die »große Verfolgung«. Es besteht der Verdacht, dass es sich in Wirklichkeit um einen harten innerchristlichen Machtkampf handelte. Hat der Autor der Apostelgeschichte, um diesen unchristlichen Kampf zu vertuschen, eine bis heute bewährte Methode angewendet? Nämlich, Schuld sind die äußeren Feinde - in diesem Fall: die Nichtchristen. Sie sind es, die Stephanus töten und die Christen aus Jerusalem jagen. Könnte es jedoch sein, dass man diesen lästigen Stephanus beiseite schafft und die »Griechen« daraufhin die Gemeinschaft in der Kommune aufkündigen und die Stadt verlassen, um wieder in ihren Heimatorten zu leben? Wie schon gesagt, es ist ein Verdacht.
Aber eines steht fest: Nun haben die »Hebräer« die Oberhand. Sie erheben den Anspruch, Hüter des jungen Christentums zu sein – auch gegenüber den »Griechen«, die verstreut im östlichen Mittelmeerraum leben.
Noch. Denn jetzt betritt Paulus von Tarsus die Bühne. Er ist der neue Sprecher der »Griechen«. Der Streit zwischen den Parteien spitzt sich zu. Eines Tages macht er sich auf nach Jerusalem.
Dort kommt es zur Machtprobe.
Es muss eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus unterwegs nach Jerusalem. Er ist "ein kleiner Mann, krummbeinig, mit kahlem köpf. einer großen Nase und in der Mitte zusammengewachsenen Augenbrauen“, so wird er beschrieben.
Seine Heimatstadt ist Tarsus im heutigen Südosten der Türkei; ursprünglich aber, so wird behauptet, kommt seine Familie aus Galiläa. Die Eltern nennen ihn Schaul, das bedeutet: der Erbetene, und schicken ihn in die Schule des jüdischen Gelehrten Gamaliel, eines hoch angesehenen Pharisäers. Schau) erweist sich als guter Schüler; er ist wach, wissbegierig, ein schneller Kopf, der gern kompliziert denkt - zu kompliziert, w ie der Apostel Petrus später einmal vermerken wird. Aus Schaul wird ein selbstbewusster, scharfzüngiger junger Mann.
Dass er sich auch Paulus nennt, ist nicht ungewöhnlich; viele, die wie er das römische Bürgerrecht haben, legen sich zusätzlich einen römischen Namen zu. Paulus, das heilst: der Kleine. Will er damit auf seine Körpergröße anspielen? Oder soll er Bescheidenheit ausdrücken? Immer wieder bezeichnet er sich als "Narren" von "großer Torheit« - aber das könnte auch eine Koketterie sein, die spätestens seit Sokrates bei Intellektuellen sehr beliebt ist. - Wie auch immer, der junge Schaul-Paulus, von Beruf Zeltmacher, ist ein überzeugter Pharisäer und hegt eine tiefe Abneigung gegenüber den Nazaräern, die man auch Christen nennt. Sie behaupten, ein gewisser Jesus von Nazareth sei der Messias, und er werde schon bald wiederkommen, dann gehe die Welt unter, und die Toten würden auferstehen. Das Skandalöse daran ist, dass der Messias, dieser seit Jahrhunderten erwartete strahlende EIeld, gekreuzigt wurde und gestorben ist - eine unmögliche Vorstellung für einen gläubigen Juden. Schlimmer noch: Die Christen stellen das Gesetz infrage, die 613 de- und Verbote in der Thora, der heiligen Schrift.
Jedenfalls ein Teil der Christen, denn die Sekte ist in zwei Parteien gespalten. Auf der einen Seite die "Hebräer" - fromme Juden, die von jedem neuen Mitglied verlangen, zum Judentum überzutreten und das Gesetz streng zu beachten. Ihr Anführer ist ein Fischer aus Galiläa namens Petrus. Die andere Partei, die -Griechen«, sind der Meinung, man könne auch Christ werden, ohne Jude zu werden. Ihr Sprecher ist Stephanus, der später unter dubiosen Umständen gesteinigt wird. Ob Paulus dieser Steinigung »wohlgefällig« zuschaute, wie die Apostelgeschichte in der Bibel behauptet, ist ungewiss. Vielleicht soll damit illustriert werden, ein wie scharfer Christenfeind er ist.
Aber dann geschieht das Unglaubliche. Auf einer Reise (um 33 n. Chr.), kurz vor Damaskus, trifft es ihn wie ein Schlag. Er stürzt vom Pferd, sieht ein gleißendes Licht und hört eine Stimme: »Schaul, Schaul, warum verfolgst du mich?« Paulus ist fassungslos: »Herr, wer bist du?« Die Stimme antwortet: »Ich bin Jesus, den du verfolgst.«
Dieses Erlebnis ist so tief greifend, so erschütternd, dass es ihn nicht mehr loslässt. Es wandelt ihn vom Christenfeind zu einem glühenden Verteidiger Jesu.
Drei Jahre später geht er nach Jerusalem, um mit Petrus zu sprechen. Aber die beiden haben sich nicht viel zu sagen. Paulus, der Intellektuelle, und Petrus, der einfache Fischer, sprechen nicht dieselbe Sprache.
Seitdem sind 14 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat Paulus in seiner Heimat und in anderen Ländern für Christus geworben - auch bei den Heiden. Denn er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man nicht Jude sein muss, um ein guter Christ zu werden. Mehr noch: Er hat seine Haltung zum Gesetz radikal geändert. Er glaubt inzwischen, dass die 613 Ge- und Verbote der Thora jeden Menschen unweigerlich zum Verbrecher machen, weil es unmöglich ist, sie alle einzuhaken.
Das ist für die »Hebräer« in Jerusalem eine glatte Provokation. Sie bestehen auf der Einhaltung des Gesetzes, so wie es ja Jesus selbst gefordert hat - bis die Endzeit gekommen ist. Für Paulus dagegen ist der Kreuzestod Jesu schon der Anfang dieser Endzeit - d. h.: Die alte Ordnung bricht zusammen, und damit hat auch das Gesetz ausgedient.
In diesem Streit muss jetzt eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus auf dem Weg zum »Apostelkonzil« in Jerusalem. Dort hat inzwischen Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus, die Leitung übernommen. Petrus schwankt zwischen den beiden Lagern. In den Augen von Paulus ist er ein unsicherer Kandidat, und er giftet ihn denn auch an: »Heuchler!«
Jakobus ist stramm konservativ, aber klug genug, um einzusehen, dass Paulus mit seiner Missionierung der Heiden zu erfolgreich ist, um ihn zu ignorieren. Und so einigt man sich schließlich auf ein Minimai-Gesetz: Wer Christ werden will, darf i. an keinem Götzendienst teilnehmen, z. keine Unzucht treiben (damit ist ursprünglich Inzest gemeint), 3. kein Ersticktes essen (also das Fleisch von Tieren, die nicht geschächtet wurden, d. h. nicht ausgeblutet sind); damit hängt das 4. Gebot zusammen: Christen dürfen kein Blut trinken, weil es »die Seele allen Fleisches« enthält (3. Buch Mose, 17,10).
PAULUS ERWÄHNT dieses erste »Aposteldekret« nicht mit einem einzigen Wort, aber wir können vermuten, dass er zufrieden ist. Die Gebote i und 2 verstehen sich von selbst - und über den Rest wird er sich einfach hinwegsetzen, weil er das für den Glauben an Christus für unwichtig hält.
Paulus ist der Sieger von Jerusalem, und nun hetzt er durch die Länder, die Zeit drängt, der Weltuntergang ist nahe. Er ist in Syrien, Arabien, Palästina, Zypern, Griechenland, Mazedonien, Malta und schließlich in Rom. Etwa 4100 Kilometer legt er zurück. Auch für einen gesunden Mann wäre das zu dieser Zeit eine Strapaze, aber Paulus ist krank. Es sagt es selber und spricht von seinem »Stachel im Fleisch«. Was er damit genau meint, wissen wir nicht. Die Spekulationen reichen von Epilepsie bis hin zu einer schweren Augenkrankheit. Was es auch ist, sein Wille und seine Energie sind stärker.
In jedem Ort, in jeder Stadt geht er zuerst in die Synagoge und spricht über Jesus; fast überall zieht er sich den Zorn der orthodoxen Juden zu - weil er das Gesetz hinterfragt.
Die Nichtjuden verlachen und
verspotten ihn als spinnerten Endzeit-Sektierer - zunächst, aber dann hören einige ihm doch zu, diesem kleinen Mann, der mit so viel Leidenschaft spricht. Er versetzt sich in seine Zuhörer, teilt ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche, um ihnen näher zu kommen. Er will den Juden ein Jude sein, den Römern ein Römer und den Griechen ein Grieche.
In Athen hält er - ein Intellektueller vor Intellektuellen - eine Rede am Altar des »unbekannten Gottes« und lobt die Athener für ihre Einsicht, nicht alle Götter kennen zu können. Wie klug sie doch sind, die Athener, aber was Wunder, eingedenk der brillanten Geister, die sie hervorgebracht haben, und er zitiert ihre Dichter und Philosophen, schmeichelt ihnen und erklärt den verblüfften Zuhörern, dass ihre großen Denker in weiser Weitsicht bereits auf diesen unbekannten Gott hingewiesen haben und dass er, Paulus, nun gekommen sei, um ihnen über diesen Gott zu erzählen: Jesus Christus!
Paulus zieht alle Register des geschulten Redners, und er weiß sich auf seine Zuhörer einzustellen. Dabei kommt es vor, dass er sich verrennt. Mit verhängnisvollen Folgen.
In seinem ersten Brief an die junge Christen-Gemeinde in Thessaloniki schreibt er: »Die (Juden) haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen Feind. Und auf dass sie das Maß ihrer Sünden erfüllen allewege, wehren sie uns, zu predigen den Heiden zu ihrem Heil. Aber der Zorn ist schon über sie gekommen ...«
Jedes dieser Worte, jeder Gedanke wird in den darauf folgenden Jahrhunderten von Judengegnern benutzt, verdreht und zur Waffe umgeschmiedet. Einer von ihnen ist Dr. Martin Luther aus Wittenberg, Reformator und Paulus-Verehrer. Seine anfängliche Judenfreundlichkeit wandelt sich in einen wahnhaften Judenhass, der sich 1543 in seinem Buch »Von Juden und ihren Lügen« entlädt- mit Berufung auf Paulus. Für Luther sind die Juden allesamt »Mörder, Bluthunde, Schmarotzer - das blutdürstigste Volk und von Gott verstoßen ... Was wollen wir
Christen also tun mit diesem verworfenen, Verdammten Volk der Juden?«. Dann gibt er den Deutschen seinen »treuen Rat«: »Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht verbrennen will mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen sind ... Zum ändern, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre ... Zum Dritten, dass man ihnen verbiete, öffentlich zu beten bei Verlust des Leibes und Lebens ... Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, zu lehren ... Zum Fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, sie sollen daheim bleiben ... Zum Sechsten, dass man ihnen nehme alle Barschaft, Silber und Gold - denn alles, was sie haben, haben sie uns gestohlen ... Zum Siebten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Axt, Spaten, Rocken und Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße der Nasen ... man müsste ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken treiben ...« - Fünfhundert Jahre später, in der »Kristallnacht« am 9. November 1938, brennen in Deutschland die Synagogen und zerbrechen die Fenster und Türen in den Häusern der Juden. Und die Nationalsozialisten berufen sich auf Luther. Zu Recht? - Genauso müssen wir fragen: Kann sich Luther zu Recht auf Paulus berufen? Ist Paulus der Brandstifter?
NEIN. ABER ER HAT ein Zündholz bereitgelegt - nicht ahnend, was er da in seinem Übereifer, »allen alles zu sein«, angerichtet hat. Er, der Jude Paulus, ist fest von der Auserwähltheit seines Volkes überzeugt. »Gott hat sein Volk nicht verstoßen!«, sagt er im Römerbrief, und er wiederholt es immer wieder. Es stimmt, er ist »traurig« über jenen Teil des jüdischen Volkes, der Christus nicht anerkennen will: »Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren«, aber er sieht Rettung: Diese Blindheit werde nur so lange bestehen, »bis die Fülle der Heiden (in die Gemeinde Christi) eingegangen ist, dann wird das ganze Israel gerettet werden«. Paulus hofft, die große Zahl (»die Fülle«) der Menschen, die Christus anerkennt, wird schließlich auch die Blinden in seinem Volk überzeugen. Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin schreibt in seinem Buch »Paulus - der Völkerapostel in jüdischer Sicht«: »jetzt verstehen wir die brennende Ungeduld, die jüdische Hast, mit der Paulus durch die Völkerwelt jagt, um das Evangelium zu verkünden. Je mehr Heiden er bekehrt, desto näher rückt die Stunde der Rettung Israels.« Paulus liebt sein Volk; hätte er gewusst, was Luther in seinem Namen den Juden antun wollte, er hätte wohl bitterlich geweint. So wird auch Luther eine tragische Gestalt: Er hat Paulus zutiefst verehrt, aber ihn nie verstanden - und in furchtbarer Weise missverstanden.
Paulus wird missbraucht - aus Unkenntnis oder Bosheit oder weil es den eigenen Interessen dient. So auch dieser Satz in seinem Römerbrief: »Jedermann sei den vorgesetzten Obrigkeiten untenan; denn es gibt keine Obrigkeit, außer von Gott, die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt. Somit widersteht der, welcher sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes.«
Diese Worte werden zum Fundament für die unheilige Allianz von Thron und Altar, bei der sich Gott und König verbünden; gegen die beiden haben Untertanen keine Chance.
Und wieder ist es Dt Martin Luther, der Paulus-Verehrer, der diese Worte benutzt: Den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit müssen schon die Kinder lernen, und wenn sie widerstreben, dann soll man es ihnen eben »einbläuen«. Dieses Erziehungskonzept wirkt; der Gehorsam und die Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen sind kein Zufall.
Und wieder schmiedet Luther aus Paulus' Worten eine scharfe Waffe, diesmal gegen die Bauern. Als sie versuchen, sich von der schamlosen Unterdrückung durch die Fürsten zu befreien, hält er ihnen Paulus vor und gibt den Fürsten den »treuen Rat«, die Bauern »wie tolle Hunde« totzuschlagen. Die Fürsten hätten es auch ohne seinen treuen Rat getan, doch mit Gottes Segen tut man sich halt leichter. Nachdem wieder Ruhe herrscht, sagt Dr. Martin Luther: »Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals.« Und er ist stob darauf.
Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit werden später noch einmal eine unselige Rolle spielen: Viele Offiziere um Hitler scheuen zurück vor einem Tyrannenmord. Es sind aufrichtige Männer, und wir wissen von ihren Gewissensqualen. Aber sie können sich nicht lösen von dem, was ihnen von Kindheit an »eingebläut« wurde - und zögern. Bis es zu spät ist.
EIN ÜBER 2000 JAHRE reichender Gedankenfaden - eingefädelt von Paulus? Nein. Er hat diese Worte geschrieben in der festen Überzeugung, dass der Weltuntergang und die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorstehen. Warum also noch aufbegehren? Gewiss, die bestehende Obrigkeit ist - wie alles! - Wille des allmächtigen Gottes, der selbstverständlich respektiert werden muss. Aber schon sehr bald wird Christus kommen und eine neue Ordnung schaffen. Habt Geduld, ihr werdet's erleben!
Alles, was Paulus schreibt, muss vor dem Hintergrund des bevorstehenden Weltuntergangs gelesen werden. Er spricht für den bestehenden Tag, seine Worte sind niemals gedacht als Regeln und Verhaltenskatalog
einer neuen Religion. Wozu denn auch eine neue Religion? Jeder Glaube beruht auf dem, was uns fehlt - und wir deshalb ersehnen; die Religion soll uns über die Realität hinwegtrösten. Für Paulus aber ist die Erlösung durch Christus bereits Realität, und über seine Wiederkunft hat er ruhige Gewissheit -es kann sich nur um Monate, allenfalls ein paar Jahre handeln. Seine Worte sind Empfehlungen für die kurze Zeit bis zur Wiederkehr Christi, nicht für künftige Generationen, die sich noch immer mit der alten Ordnung herumschlagen müssen.
Es könnte an einem Frühlingstag im Jahr 30 gewesen sein. Schimon bar Jona steht am Ufer des Sees Genezareth, der ihm so vertraut ist. Hierher ist er geflohen vor dem Grauen, das er in Jerusalem erlebt hat.
Er ist ein Fischer und hat hier mit seiner Familie gelebt und gearbeitet - bis jener Mann kam, der ihn vom ersten Augenblick bezauberte: Joschua von Nazareth, den man auch Jesus nennt.
Schimon hätte nicht sagen können, was diesen Jesus umgab und welche Kraft es war, die ihn so mächtig anzog, dass er ohnmächtig gehorchte, als Jesus ihn aufforderte, ihm zu folgen und »von nun an Menschen zu fischen«. Schimon ließ alles stehen und liegen, in der festen Überzeugung, dass dieser Mann der ersehnte Messias war, der Erwartete, der Erlöser - der Mann, der die Juden von den verhassten, ungläubigen Römern befreien würde. Schimon bar Jona, auch Petrus genannt, hatte nie einen Zweifel daran. Und nun?
Alles zerbrochen - unter den Nägeln, mit denen die Römer Jesus ans Kreuz genagelt haben wie einen Verbrecher. Sie haben ihn auf die qualvollste und unwürdigste Weise getötet. Und nichts geschieht! Gar nichts! Gott schaut schweigend zu.
War alles nur Lüge? War Jesus ein falscher Prophet? Wo ist denn sein Reich. das er versprochen hat? Die Legionen des römischen Kaisers Tiberius haben Judäa nach wie vorfest im Griff. Und seine Handlanger. die Herodier aus dem fremden Idumäa. sitzen immer noch auf dem Thron, seit beinahe hundert Jahren. Nichts hat sich geändert.
WAR JESUS NUR ein kleiner, erfolgloser Aufwiegler- so wie vor etwa 25 Jahren der Unruhestifter namens Judas? Der kam ebenfalls aus Galiläa. Auch Judas machte sich stark für die Rechte der Armen und forderte einen Gottesstaat. Seine gewalttätigen Anhänger nannte man auf Lateinisch „sicanrii“, d. h. "die Männer mit dem Dolch“. Die Römer schauten sich das eine Weile an. und eines Tages war Judas verschwunden. Die einen behaupten, er sei geflohen - die anderen, er sei umgebracht worden. Seine Anhänger predigen - im Geheimen - weiterhin den Gottesstaat. Doch bewirkt haben sie im Grunde überhaupt nichts. Ist Jesus - wie Judas - nicht viel mehr als ein gescheiterter Revolutionär. dessen Ideen sich angesichts der Realität in Luft auflösen? Ist er. Petrus. einem Narren hinterhergelaufen?
Enttäuschung. Verzweiflung. Wut. Dazu noch Schuldgefühle: Keiner der Jünger rührte eine Hand. um Jesus zu retten. Keiner trat vor, um ihn vor Gericht zu verteidigen. Keiner erhob die Stimme, um seine Freiheit zu fordern, als alle schrien: »Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!« Auch er, Petrus, hatte geschwiegen. Schlimmer noch, er hat den Mann, den er bewunderte und verehrte, verleugnet, in panischer Angst, man könnte auch ihn verhaften. Er verkroch sich in Jerusalem, während Jesus. dem er Treue bis in den Tod geschworen hatte, nach Golgatha gepeitscht wurde. Was für eine erbärmliche Feigheit. Petrus, der Fels, ist gebrochen.
In diesem Augenblick geschieht es - etwas, das für die ganze Welt von größter Bedeutung sein wird.
Der Apostel Paulus hat es in seinem ersten Korintherbrief (15.4) beschrieben. Da heißt es. dass Jesus am dritten Tag auferstanden sei - und dass der Erste. der ihn gesehen habe. Petrus gewesen sei.
Petrus als Erster. Im Markus-Evangelium dagegen heißt es: Maria Magdalena war es. die Jesus zuerst gesehen hat. In den anderen Evangelien erscheint Jesus vor den versammelten Aposteln - doch die Evangelien entstanden erst zwanzig bis vierzig Jahre nach den Paulus-Briefen; diese Briefe sind die ältesten schriftlichen Zeugnisse über Jesus. Und darin sagt Paulus unmissverständlich, dass Jesus zuerst von Petrus „gesehen worden“ ist.
Wer nun tatsächlich der Erste war. ob nun Maria Magdalena oder Petrus, ist für den weiteren Verlauf der Ereignisse unwichtig. Entscheidend ist die Botschaft: Jesus lebt!
Für Petrus ist das die Erlösung. Alle Zweifel fallen von ihm ab. Petrus weiß jetzt, was er zu tun hat: Er muss diese "gute Nachricht“ (griech.: Evangelium) allen verkünden.
Ein unbeachteter und sehr privater Augenblick, und doch hat er etwas Mächtiges in Gang gesetzt. Was da geschah. ist nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Christentums.
Die gute Nachricht spricht sich wie ein Lauffeuer herum, und bald hört man, dass Jesus von immer mehr Menschen gesehen worden ist. Die Niedergeschlagenheit unter den Anhängern Jesu weicht allmählich einer zaghaften Hoffnung: Wenn es wahr ist. dass Jesus lebt. dann ist auch das. was er sagte und prophezeite, wahr.
FÜR DIE RÖMISCHEN Besatzer, die in Jesus einen irregeleiteten Narren sehen. ist mit seiner Kreuzigung diese leidige Sache erledigt: irgendwelche Maßnahmen gegen die Anhänger Jesu. die man auch Nazaräer nennt, sind nicht vorgesehen. Sie haben erlebt, wie Rom mit Unruhestiftern umgeht- das wird ihnen ja wohl eine Lehre sein.
Noch traut man dem Frieden nicht, und so kehren die Apostel, die aus Angst vor Repressalien geflohen sind, mit aller Wachsamkeit nach Jerusalem zurück. Auch Petrus, der nun wieder der Fels ist und um den sich jetzt alle scharen. Es sind einfache Menschen: Handwerker, Fischer, kleine Beamte. Sie sprechen einen ländlichen galiläischen Dialekt, der jedem sofort verrät, dass sie ganz sicherlich keine Gelehrten sind. Aber all das ist nicht wichtig, entscheidend ist, dass sie ausgerüstet sind mit einem festen Glauben. alle haben Jesus gesehen. Die einen haben, wie sie sagen, mit ihm gesprochen, die anderen ihn sogar berührt - wie auch immer, jeden hat diese Begegnung bis ins Herz erschüttert und sie endgültig davon überzeugt: Jesus ist wirklich der Messias, der Verkünder der Endzeit!
Sie finden Unterschlupf in einer Wohnung, die ihnen schon von früher bekannt ist. Wir wissen das aus der Apostelgeschichte, die im Neuen Testament den Evangelien folgt und etwa 60 Jahre nach Jesu Tod entstand. Als Autor wird ein gewisser Lukas angegeben, der auch das Lukas-Evangelium schrieb; tatsächlich aber ist seine Identität unbekannt. In der Apostelgeschichte, die eigentlich unsere einzige Quelle über die erste Zeit des Christentums ist, heißt es, dass sich diese Wohnung im oberen Stockwerk eines Jerusalemer Hauses befand. Von dort aus knüpfen die Nazaräer Kontakte mit Gleichgesinnten. Auch die Familie von Jesus besuchen sie.
Die Nazaräer fallen in der Stadt nicht auf. Sie sind Juden wie alle anderen. tragen die gleichen Tuniken und Obergewänder wie jeder in Jerusalem. Aber die offensichtliche Begeisterung, mit der sie über Jesus erzählen, macht die Leute neugierig. Man fängt an, ihnen zuzuhören.
Wenn Petrus und die Apostel noch einen letzten Beweis für ihren Glauben brauchten - jetzt erhalten sie ihn. Eines Tages, während sie alle versammelt sind, erscheinen über ihren Köpfen feurige Zungen. so berichtet die Apostelgeschichte, »und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes«. Plötzlich beginnen sie in fremden Sprachen zu reden, heißt es weiter, sodass die Anwohner, die diese Männer als einfache Leute kennen, völlig verblüfft sind. Petrus erfasst die Gunst der Stunde und erklärt, dass diese Männer keineswegs betrunken sind; es sei vielmehr ein weiterer Beweis dafür, dass die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind, so wie es der Prophet Joel angekündigt hat: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch...«
WAS BEI DIESEM »Pfingstwunder« geschieht, ist vielleicht zu vergleichen mit dem »Zungenreden", das auch heute noch in den so genannten charismatischen Kirchen ein wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes ist; dabei fallen Männer und Frauen in Trance und beginnen zu reden, oft auch »in fremden Zungen«.
Wie dem auch sei, dieses Ereignis beeindruckt. Jerusalem zählt zu dieser Zeit höchstens 30 000 Einwohner, und so macht das "Pfingstwunder« schnell die Runde. Außerdem erzählt man sich. dass Petrus Kranke heilen kann - er muss also eine besonderer Mann sein: vielleicht ist ja etwas dran an dem. was er und seine Leute über diesen Jesus erzählen und dass der Weltuntergang kurz bevorsteht.
Nun beginnen mehr und mehr Menschen, genauer hinzuhören - und die Apostelgeschichte berichtet, dass die erste Gemeinde bald 3000 Mitglieder zählt, wenig später sogar 5000. Das wäre erstaunlich viel für eine Stadt wie Jerusalem - aber biblische Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Egal, hinter dieser Nachricht steht, dass die Nazaräer zu einer Gruppe heranwachsen, die man nicht mehr ignorieren kann. Jetzt geraten sie ins Visier der jüdischen Behörden, und als die Verantwortlichen erkennen, was sich da vor ihrer Haustür entwickelt, sind sie äußerst beunruhigt.
Was ist geschehen?
Die religiösen Führer und Politiker haben kein Problem damit, dass die Nazaräer herumerzählen, jeden Augenblick könne die Welt untergehen und deshalb müsse man Buße tun und ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Wenn sie daran glauben, bitte schön. Weituntergangs-Fantasien gibt es zuhauf. Bücher, in denen die Grauen erregenden Ereignisse der letzten Tage beschrieben werden, sind Bestseller. Doch allen Weltuntergängen, die bisher von selbst ernannten Propheten verkündet wurden, konnte man gelassen entgegensehen. Dem Weltuntergang der Nazaräer wird es mit Sicherheit genauso ergehen wie den anderen: Er findet einfach nicht statt.
NEIN, DAS IST ES NICHT, was die Behörden beunruhigt. Zumal es sich um ausgesprochen brave Bürger handelt. Sie sind fromme Juden, die sich streng an das jüdische Gesetz (hebräisch: »Thora«) halten, jene Sammlung von 613 Ge- und Verboten, die jeden Aspekt eines Menschenlebens genau regelt - angefangen mit Vorschriften über das Essen bis hin zu Anweisungen für Hygiene, Geschlechtsverkehr, Gebetszeiten, Feiertage ... und natürlich auch das Gebot, den Sabbat zu heiligen. Die Nazaräer befolgen das Gesetz eisern, in jedem Punkt.
Dagegen haben die Behörden nichts einzuwenden. Auch nicht, dass die Nazaräer sich regelmäßig treffen und damit begonnen haben, eine eigene Art von Gottesdienstabzuhalten. Die Quellen erzählen wenig darüber. Man weil? nur, dass sie eine gemeinsame Mahlzeit einnehmen und dabei im Namen des auferstandenen Herrn das Brot und den Wein (ähnlich wie im Judentum) heiligen.
1873 haben Forscher einen christlichen Text auf Griechisch entdeckt, »Didache« (deutsch: »Lehre«) genannt. Er stammt aus dem i. Jahrhundert und enthält den Wortlaut dieser Segenssprüche. Über den Wein sprach man: »Wir danken dir, unser Vater; für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechtes, den [d. h. den Weinstock] du uns durch Jesus, deinen Knecht, kundgemacht hast. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Und über das Brot: »Wir danken dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die du uns durch Jesus, deinen Knecht, kundgemacht hast. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Von einer Verwandlung des Weines und des Brotes in das Blut und den Körper Christi ist noch nicht die Rede. Diese Vorstellung wird erst sehr viel später Bestandteil des Christentums. Auffallend ist auch, dass Jesus als Knecht Gottes bezeichnet wird, nicht als Sohn Gottes. Seine Vergöttlichung ist zu dieser Zeit kein Glaubenssatz.
Die christliche Lehre, wie wir sie heute kennen, gibt es noch nicht. Die Urchristen unterscheiden sich nur in zwei Punkten von den anderen Juden. Erstens: Sie sind überzeugt davon, dass Jesus von den Toten auferstanden und deshalb der ersehnte Messias ist. Zweitens: Die Auferstehung von Jesus ist ein Zeichen dafür, dass das Reich Gottes - mit anderen Worten: die Endzeit - unmittelbar bevorsteht.
Wie schon gesagt, mit dem Weltuntergang haben die Behörden kein Problem. Es sind die Konsequenzen, die die ersten Christen daraus ziehen: Weil der Weltuntergang bevorsteht, macht es in ihren Augen keinen Sinn mehr zu arbeiten, Handel zu treiben, ein Geschäft zu rühren oder für die Zukunft zu planen. Verkauft alles, was ihr habt! - fordert deshalb Petrus - und bringt das Geld zu uns. Was ihr zum Leben braucht, das geben wir euch.
TATSÄCHLICH ENTSTEHT eine Kommune. Ihre Mitglieder verkaufen ihr Land, ihre Häuser, ihren gesamten Besitz und liefern das Geld ab. Wer dabei mogelt, wird bestraft. Die Apostelgeschichte berichtet darüber: Ein Mann namens Ananias bringt den Erlös eines Ackers zu Petrus - aber der sagt ihm auf den Kopf zu, dass dieser Betrag nicht stimmt und Ananias sich einen Teil in die eigene Tasche gesteckt habe. Daraufhin fällt Ananias auf der Stelle tot um. Drei Stunden später kommt seine Frau Saphira und erkundigt sich nach ihrem Mann. Petrus fragt sie, ob sie den Acker wirklich »so teuer verkauft haben«. Saphira antwortet: ja! - Da fällt auch sie tot um. Man begräbt die beiden, »und es kam eine große Furcht über die Gemeinde und über alle, die dieses hörten«.
Diese Geschichte zeigt, wie ernst die ersten Christen den Weltuntergang nehmen. Aber auch, unter welchen psychischen Druck sie gesetzt werden. Das Ganze hat den Beigeschmack von Endzeit-Fanatismus.
Was die Verantwortlichen in Jerusalem mit zunehmender Besorgnis sehen, ist eine wachsende Gruppe, die sich absondert, schlimmer noch: sich dem Staat verweigert. Wenn es Schule macht, alles zu verkaufen und auf das Ende zu warten, dann wird das wirtschaftliche Leben erlahmen. Wer zahlt dann die Steuern? Wie soll man dann den finanziellen Verpflichtungen Rom gegenüber nachkommen? Die Elite der Juden hat sich - wie Eliten es immer zu tun pflegen - mit den Mächtigen arrangiert und lebt ganz gut damit. Sie weiß, was Rom will: Ruhe im Land und Geld. Die Nazaräer sind auf dem besten Weg, dieses sensible Arrangement zu stören.
PETRUS WIRD VERHAFTET und ins Gefängnis gesteckt. Nur für eine Nacht, es soll wohl ein Warnschuss sein. Er wird eingehend verhört, dann lässt man ihn wieder frei. Aber die Behörden behalten die Christen im Auge, und es wird nicht das letzte Mal sein, dass Petrus ins Gefängnis wandert.
Inzwischen hat unter den Urchristen eine Entwicklung eingesetzt, die für das Christentum von größter Bedeutung sein wird. In der Apostelgeschichte wird sie nur beiläufig erwähnt, so, als sei es dem Autor peinlich. Er will den Eindruck erwecken, dass die Christen in dieser Zeit »ein Herz und eine Seele« sind. Das stimmt aber nicht.
Tatsache ist: Das junge Christentum hat sich bereits gespalten. Es gibt zwei Lager: die Konservativen und die Modernen - salopp ausgedrückt: die »Fundis« und die »Realos«. Dieser schmerzharte Prozess ist typisch für jede neue religiöse oder ideologische Bewegung; der Islam blieb davon genauso wenig verschont wie der Kommunismus.
Ursache der Spaltung ist: Die konservative Partei der Christen, die »Hebräer«, besteht darauf, dass nur Christ werden kann, wer vorher zum jüdischen Glauben übertritt - mit allen Konsequenzen, d. h. Unterwerfung unter das jüdische Gesetz (Thora), Beschneidung inklusive. Sie können sich dabei auf Jesus berufen, der ja - vergessen wir das nicht! - ein streng gläubiger Jude war. Zwar interpretierte er das Gesetz in manchen Teilen neu und für orthodoxe Juden sicherlich auch provozierend, grundsätzlich aber pochte er auf die Erfüllung der Thora und erklärte, dass kein Jota (ein Buchstabe im hebräischen Alphabet) des Gesetzes vergehen wird, solange Himmel und Erde bestehen.
Die »Realos« unter den Christen werden »Griechen« genannt, weil viele von ihnen aus jüdischen Gemeinden in anderen Ländern stammen und griechisch sprechen. Sie vertreten die Meinung: Jesus ist der Messias für alle Menschen, auch für die Heiden. Es ist nicht notwendig, erst Jude zu werden, um an Jesus zu glauben. Außerdem kann man es zum Beispiel einem Römer nicht zumuten, dass er sich beschneiden lässt und seine Lebensgewohnheiten total umstellt, nur um die 613 Ge- und Verbote der Thora einzuhalten. Die »Griechen« haben erkannt, dass der »Hebräer-Kurs bestenfalls einen kleinen jüdischen Club hervorbringt, der sich in religiöser Denkmalpflege gefällt. Nein, das wollen sie nicht, sie denken bereits katholisch, d. h. übersetzt: allumfassend, weltweit.
ES GIBT SPANNUNGEN zwischen den beiden Lagern. Zum ersten großen Krach kommt es auf einem Nebenschauplatz: Die »Griechen« beschweren sich darüber, dass in der Kommune »ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen werden«. Der Autor der Apostelgeschichte, immer auf Frieden und Freude bedacht, erklärt, dass man dieses Problem schnell aus der Welt geschafft habe: Die »Hebräer«-Spitze ernennt für die »Griechen« einen siebenköpfigen Vorstand. Wenn das stimmt, dann sicherlich nur gezwungenermaßen.
Ein neuer Vorstand? Und das nur, um dafür zu sorgen, dass einige Frauen anständig versorgt werden? Wohl kaum. Der »Witwenstreit «ist in Wahrheit ein Ventil. Die Spaltung ist vollzogen. Jetzt gibt es zwei Führungsgremien. Sprecher der »Griechen« ist ein junger, engagierter Mann namens Stephanus, der sehr überzeugend reden kann.
Die folgenden Ereignisse werden in der Apostelgeschichte merkwürdig schwammig und ungenau berichtet, sodass sich ein hässlicher Verdacht regt. Soll hier etwas verschleiert werden?
Stephanus wird von gesetzestreuen Juden der Gotteslästerei angeklagt, weil er gegen die Thora, das Gesetz, gesprochen hat. Er verteidigt sich eloquent. Vergeblich. Eine wütende Menge zerrt ihn vor die Stadt und steinigt ihn.
Seltsam, denn eine Hinrichtung ist allein Sache der Römer. Das Ganze findet mit viel Geschrei und Getobe statt, so, wie es beschrieben wird trotzdem, die römische Polizei steht da und greift nicht ein? Da stimmt etwas nicht.
Und weiter: Am selben Tag »erhob sich eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem«. Kein Wort darüber, wer dahintersteckt. Die jüdischen Behörden? Gewiss nicht, die wollen nur Ruhe. Das Volk von Jerusalem? Warum sollte es? Sind die Christen inzwischen derart unbeliebt? Davon wissen wir nichts. Laut Apostelgeschichte fliehen die Christen aus der Stadt. Dann muss diese »große Verfolgung« wirklich schlimm gewesen sein, ein Pogrom mit bösen Ausschreitungen. Und wieder steht die römische Polizei stumm daneben und schaut tatenlos zu?
NOCH EINE MERKWÜRDIGKEIT. Eine kleine Bemerkung nur, aber sie macht hellhörig: In dieser »großen Verfolgung« wird niemandem aus der Führungsspitze der »Hebräer« ein Haar gekrümmt. Sie bleibt in Jerusalem und mit ihr - das können wir getrost annehmen - die gesamte »Hebräer«-Gemeinde.
Die ganze Geschichte ist höchst fragwürdig. Diese beiden Ereignisse können sich so nicht zugetragen haben - weder der Tod des Stephanus, der bei den »Griechen« sehr beliebt war, noch die »große Verfolgung«. Es besteht der Verdacht, dass es sich in Wirklichkeit um einen harten innerchristlichen Machtkampf handelte. Hat der Autor der Apostelgeschichte, um diesen unchristlichen Kampf zu vertuschen, eine bis heute bewährte Methode angewendet? Nämlich, Schuld sind die äußeren Feinde - in diesem Fall: die Nichtchristen. Sie sind es, die Stephanus töten und die Christen aus Jerusalem jagen. Könnte es jedoch sein, dass man diesen lästigen Stephanus beiseite schafft und die »Griechen« daraufhin die Gemeinschaft in der Kommune aufkündigen und die Stadt verlassen, um wieder in ihren Heimatorten zu leben? Wie schon gesagt, es ist ein Verdacht.
Aber eines steht fest: Nun haben die »Hebräer« die Oberhand. Sie erheben den Anspruch, Hüter des jungen Christentums zu sein – auch gegenüber den »Griechen«, die verstreut im östlichen Mittelmeerraum leben.
Noch. Denn jetzt betritt Paulus von Tarsus die Bühne. Er ist der neue Sprecher der »Griechen«. Der Streit zwischen den Parteien spitzt sich zu. Eines Tages macht er sich auf nach Jerusalem.
Dort kommt es zur Machtprobe.
Es muss eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus unterwegs nach Jerusalem. Er ist "ein kleiner Mann, krummbeinig, mit kahlem köpf. einer großen Nase und in der Mitte zusammengewachsenen Augenbrauen“, so wird er beschrieben.
Seine Heimatstadt ist Tarsus im heutigen Südosten der Türkei; ursprünglich aber, so wird behauptet, kommt seine Familie aus Galiläa. Die Eltern nennen ihn Schaul, das bedeutet: der Erbetene, und schicken ihn in die Schule des jüdischen Gelehrten Gamaliel, eines hoch angesehenen Pharisäers. Schau) erweist sich als guter Schüler; er ist wach, wissbegierig, ein schneller Kopf, der gern kompliziert denkt - zu kompliziert, w ie der Apostel Petrus später einmal vermerken wird. Aus Schaul wird ein selbstbewusster, scharfzüngiger junger Mann.
Dass er sich auch Paulus nennt, ist nicht ungewöhnlich; viele, die wie er das römische Bürgerrecht haben, legen sich zusätzlich einen römischen Namen zu. Paulus, das heilst: der Kleine. Will er damit auf seine Körpergröße anspielen? Oder soll er Bescheidenheit ausdrücken? Immer wieder bezeichnet er sich als "Narren" von "großer Torheit« - aber das könnte auch eine Koketterie sein, die spätestens seit Sokrates bei Intellektuellen sehr beliebt ist. - Wie auch immer, der junge Schaul-Paulus, von Beruf Zeltmacher, ist ein überzeugter Pharisäer und hegt eine tiefe Abneigung gegenüber den Nazaräern, die man auch Christen nennt. Sie behaupten, ein gewisser Jesus von Nazareth sei der Messias, und er werde schon bald wiederkommen, dann gehe die Welt unter, und die Toten würden auferstehen. Das Skandalöse daran ist, dass der Messias, dieser seit Jahrhunderten erwartete strahlende EIeld, gekreuzigt wurde und gestorben ist - eine unmögliche Vorstellung für einen gläubigen Juden. Schlimmer noch: Die Christen stellen das Gesetz infrage, die 613 de- und Verbote in der Thora, der heiligen Schrift.
Jedenfalls ein Teil der Christen, denn die Sekte ist in zwei Parteien gespalten. Auf der einen Seite die "Hebräer" - fromme Juden, die von jedem neuen Mitglied verlangen, zum Judentum überzutreten und das Gesetz streng zu beachten. Ihr Anführer ist ein Fischer aus Galiläa namens Petrus. Die andere Partei, die -Griechen«, sind der Meinung, man könne auch Christ werden, ohne Jude zu werden. Ihr Sprecher ist Stephanus, der später unter dubiosen Umständen gesteinigt wird. Ob Paulus dieser Steinigung »wohlgefällig« zuschaute, wie die Apostelgeschichte in der Bibel behauptet, ist ungewiss. Vielleicht soll damit illustriert werden, ein wie scharfer Christenfeind er ist.
Aber dann geschieht das Unglaubliche. Auf einer Reise (um 33 n. Chr.), kurz vor Damaskus, trifft es ihn wie ein Schlag. Er stürzt vom Pferd, sieht ein gleißendes Licht und hört eine Stimme: »Schaul, Schaul, warum verfolgst du mich?« Paulus ist fassungslos: »Herr, wer bist du?« Die Stimme antwortet: »Ich bin Jesus, den du verfolgst.«
Dieses Erlebnis ist so tief greifend, so erschütternd, dass es ihn nicht mehr loslässt. Es wandelt ihn vom Christenfeind zu einem glühenden Verteidiger Jesu.
Drei Jahre später geht er nach Jerusalem, um mit Petrus zu sprechen. Aber die beiden haben sich nicht viel zu sagen. Paulus, der Intellektuelle, und Petrus, der einfache Fischer, sprechen nicht dieselbe Sprache.
Seitdem sind 14 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat Paulus in seiner Heimat und in anderen Ländern für Christus geworben - auch bei den Heiden. Denn er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man nicht Jude sein muss, um ein guter Christ zu werden. Mehr noch: Er hat seine Haltung zum Gesetz radikal geändert. Er glaubt inzwischen, dass die 613 Ge- und Verbote der Thora jeden Menschen unweigerlich zum Verbrecher machen, weil es unmöglich ist, sie alle einzuhaken.
Das ist für die »Hebräer« in Jerusalem eine glatte Provokation. Sie bestehen auf der Einhaltung des Gesetzes, so wie es ja Jesus selbst gefordert hat - bis die Endzeit gekommen ist. Für Paulus dagegen ist der Kreuzestod Jesu schon der Anfang dieser Endzeit - d. h.: Die alte Ordnung bricht zusammen, und damit hat auch das Gesetz ausgedient.
In diesem Streit muss jetzt eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus auf dem Weg zum »Apostelkonzil« in Jerusalem. Dort hat inzwischen Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus, die Leitung übernommen. Petrus schwankt zwischen den beiden Lagern. In den Augen von Paulus ist er ein unsicherer Kandidat, und er giftet ihn denn auch an: »Heuchler!«
Jakobus ist stramm konservativ, aber klug genug, um einzusehen, dass Paulus mit seiner Missionierung der Heiden zu erfolgreich ist, um ihn zu ignorieren. Und so einigt man sich schließlich auf ein Minimai-Gesetz: Wer Christ werden will, darf i. an keinem Götzendienst teilnehmen, z. keine Unzucht treiben (damit ist ursprünglich Inzest gemeint), 3. kein Ersticktes essen (also das Fleisch von Tieren, die nicht geschächtet wurden, d. h. nicht ausgeblutet sind); damit hängt das 4. Gebot zusammen: Christen dürfen kein Blut trinken, weil es »die Seele allen Fleisches« enthält (3. Buch Mose, 17,10).
PAULUS ERWÄHNT dieses erste »Aposteldekret« nicht mit einem einzigen Wort, aber wir können vermuten, dass er zufrieden ist. Die Gebote i und 2 verstehen sich von selbst - und über den Rest wird er sich einfach hinwegsetzen, weil er das für den Glauben an Christus für unwichtig hält.
Paulus ist der Sieger von Jerusalem, und nun hetzt er durch die Länder, die Zeit drängt, der Weltuntergang ist nahe. Er ist in Syrien, Arabien, Palästina, Zypern, Griechenland, Mazedonien, Malta und schließlich in Rom. Etwa 4100 Kilometer legt er zurück. Auch für einen gesunden Mann wäre das zu dieser Zeit eine Strapaze, aber Paulus ist krank. Es sagt es selber und spricht von seinem »Stachel im Fleisch«. Was er damit genau meint, wissen wir nicht. Die Spekulationen reichen von Epilepsie bis hin zu einer schweren Augenkrankheit. Was es auch ist, sein Wille und seine Energie sind stärker.
In jedem Ort, in jeder Stadt geht er zuerst in die Synagoge und spricht über Jesus; fast überall zieht er sich den Zorn der orthodoxen Juden zu - weil er das Gesetz hinterfragt.
Die Nichtjuden verlachen und
verspotten ihn als spinnerten Endzeit-Sektierer - zunächst, aber dann hören einige ihm doch zu, diesem kleinen Mann, der mit so viel Leidenschaft spricht. Er versetzt sich in seine Zuhörer, teilt ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche, um ihnen näher zu kommen. Er will den Juden ein Jude sein, den Römern ein Römer und den Griechen ein Grieche.
In Athen hält er - ein Intellektueller vor Intellektuellen - eine Rede am Altar des »unbekannten Gottes« und lobt die Athener für ihre Einsicht, nicht alle Götter kennen zu können. Wie klug sie doch sind, die Athener, aber was Wunder, eingedenk der brillanten Geister, die sie hervorgebracht haben, und er zitiert ihre Dichter und Philosophen, schmeichelt ihnen und erklärt den verblüfften Zuhörern, dass ihre großen Denker in weiser Weitsicht bereits auf diesen unbekannten Gott hingewiesen haben und dass er, Paulus, nun gekommen sei, um ihnen über diesen Gott zu erzählen: Jesus Christus!
Paulus zieht alle Register des geschulten Redners, und er weiß sich auf seine Zuhörer einzustellen. Dabei kommt es vor, dass er sich verrennt. Mit verhängnisvollen Folgen.
In seinem ersten Brief an die junge Christen-Gemeinde in Thessaloniki schreibt er: »Die (Juden) haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen Feind. Und auf dass sie das Maß ihrer Sünden erfüllen allewege, wehren sie uns, zu predigen den Heiden zu ihrem Heil. Aber der Zorn ist schon über sie gekommen ...«
Jedes dieser Worte, jeder Gedanke wird in den darauf folgenden Jahrhunderten von Judengegnern benutzt, verdreht und zur Waffe umgeschmiedet. Einer von ihnen ist Dr. Martin Luther aus Wittenberg, Reformator und Paulus-Verehrer. Seine anfängliche Judenfreundlichkeit wandelt sich in einen wahnhaften Judenhass, der sich 1543 in seinem Buch »Von Juden und ihren Lügen« entlädt- mit Berufung auf Paulus. Für Luther sind die Juden allesamt »Mörder, Bluthunde, Schmarotzer - das blutdürstigste Volk und von Gott verstoßen ... Was wollen wir
Christen also tun mit diesem verworfenen, Verdammten Volk der Juden?«. Dann gibt er den Deutschen seinen »treuen Rat«: »Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht verbrennen will mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen sind ... Zum ändern, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre ... Zum Dritten, dass man ihnen verbiete, öffentlich zu beten bei Verlust des Leibes und Lebens ... Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, zu lehren ... Zum Fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, sie sollen daheim bleiben ... Zum Sechsten, dass man ihnen nehme alle Barschaft, Silber und Gold - denn alles, was sie haben, haben sie uns gestohlen ... Zum Siebten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Axt, Spaten, Rocken und Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße der Nasen ... man müsste ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken treiben ...« - Fünfhundert Jahre später, in der »Kristallnacht« am 9. November 1938, brennen in Deutschland die Synagogen und zerbrechen die Fenster und Türen in den Häusern der Juden. Und die Nationalsozialisten berufen sich auf Luther. Zu Recht? - Genauso müssen wir fragen: Kann sich Luther zu Recht auf Paulus berufen? Ist Paulus der Brandstifter?
NEIN. ABER ER HAT ein Zündholz bereitgelegt - nicht ahnend, was er da in seinem Übereifer, »allen alles zu sein«, angerichtet hat. Er, der Jude Paulus, ist fest von der Auserwähltheit seines Volkes überzeugt. »Gott hat sein Volk nicht verstoßen!«, sagt er im Römerbrief, und er wiederholt es immer wieder. Es stimmt, er ist »traurig« über jenen Teil des jüdischen Volkes, der Christus nicht anerkennen will: »Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren«, aber er sieht Rettung: Diese Blindheit werde nur so lange bestehen, »bis die Fülle der Heiden (in die Gemeinde Christi) eingegangen ist, dann wird das ganze Israel gerettet werden«. Paulus hofft, die große Zahl (»die Fülle«) der Menschen, die Christus anerkennt, wird schließlich auch die Blinden in seinem Volk überzeugen. Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin schreibt in seinem Buch »Paulus - der Völkerapostel in jüdischer Sicht«: »jetzt verstehen wir die brennende Ungeduld, die jüdische Hast, mit der Paulus durch die Völkerwelt jagt, um das Evangelium zu verkünden. Je mehr Heiden er bekehrt, desto näher rückt die Stunde der Rettung Israels.« Paulus liebt sein Volk; hätte er gewusst, was Luther in seinem Namen den Juden antun wollte, er hätte wohl bitterlich geweint. So wird auch Luther eine tragische Gestalt: Er hat Paulus zutiefst verehrt, aber ihn nie verstanden - und in furchtbarer Weise missverstanden.
Paulus wird missbraucht - aus Unkenntnis oder Bosheit oder weil es den eigenen Interessen dient. So auch dieser Satz in seinem Römerbrief: »Jedermann sei den vorgesetzten Obrigkeiten untenan; denn es gibt keine Obrigkeit, außer von Gott, die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt. Somit widersteht der, welcher sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes.«
Diese Worte werden zum Fundament für die unheilige Allianz von Thron und Altar, bei der sich Gott und König verbünden; gegen die beiden haben Untertanen keine Chance.
Und wieder ist es Dt Martin Luther, der Paulus-Verehrer, der diese Worte benutzt: Den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit müssen schon die Kinder lernen, und wenn sie widerstreben, dann soll man es ihnen eben »einbläuen«. Dieses Erziehungskonzept wirkt; der Gehorsam und die Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen sind kein Zufall.
Und wieder schmiedet Luther aus Paulus' Worten eine scharfe Waffe, diesmal gegen die Bauern. Als sie versuchen, sich von der schamlosen Unterdrückung durch die Fürsten zu befreien, hält er ihnen Paulus vor und gibt den Fürsten den »treuen Rat«, die Bauern »wie tolle Hunde« totzuschlagen. Die Fürsten hätten es auch ohne seinen treuen Rat getan, doch mit Gottes Segen tut man sich halt leichter. Nachdem wieder Ruhe herrscht, sagt Dr. Martin Luther: »Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals.« Und er ist stob darauf.
Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit werden später noch einmal eine unselige Rolle spielen: Viele Offiziere um Hitler scheuen zurück vor einem Tyrannenmord. Es sind aufrichtige Männer, und wir wissen von ihren Gewissensqualen. Aber sie können sich nicht lösen von dem, was ihnen von Kindheit an »eingebläut« wurde - und zögern. Bis es zu spät ist.
EIN ÜBER 2000 JAHRE reichender Gedankenfaden - eingefädelt von Paulus? Nein. Er hat diese Worte geschrieben in der festen Überzeugung, dass der Weltuntergang und die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorstehen. Warum also noch aufbegehren? Gewiss, die bestehende Obrigkeit ist - wie alles! - Wille des allmächtigen Gottes, der selbstverständlich respektiert werden muss. Aber schon sehr bald wird Christus kommen und eine neue Ordnung schaffen. Habt Geduld, ihr werdet's erleben!
Alles, was Paulus schreibt, muss vor dem Hintergrund des bevorstehenden Weltuntergangs gelesen werden. Er spricht für den bestehenden Tag, seine Worte sind niemals gedacht als Regeln und Verhaltenskatalog
einer neuen Religion. Wozu denn auch eine neue Religion? Jeder Glaube beruht auf dem, was uns fehlt - und wir deshalb ersehnen; die Religion soll uns über die Realität hinwegtrösten. Für Paulus aber ist die Erlösung durch Christus bereits Realität, und über seine Wiederkunft hat er ruhige Gewissheit -es kann sich nur um Monate, allenfalls ein paar Jahre handeln. Seine Worte sind Empfehlungen für die kurze Zeit bis zur Wiederkehr Christi, nicht für künftige Generationen, die sich noch immer mit der alten Ordnung herumschlagen müssen.